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Zwischen Leben retten und System verbessern

22.07.2026

Er hat Eltern und Frühchen als Arzt in ihren schwierigsten Momenten begleitet, als Expeditionsarzt Grenzen ausgelotet und nach seiner Pensionierung als Politiker Verantwortung übernommen: Hubert Messner im Gespräch.

Hubert Messner in jungen Jahren in seinem Heimattal Villnöss: „Mit meinem selbst verdienten Geld habe ich mir ein Rad gekauft und bin damit aus dem Tal gefahren.“ (Foto: Privat)
Hubert Messner in jungen Jahren in seinem Heimattal Villnöss: „Mit meinem selbst verdienten Geld habe ich mir ein Rad gekauft und bin damit aus dem Tal gefahren.“ (Foto: Privat)

Wenn Sie an Ihre Kindheit in Villnöß zurückdenken, woran erinnern Sie sich?

Hubert Messner: Unsere Spielwiese war der Bach, der Wald und die Berge. Wir Kinder hatten so viel Freiheit. Es war das Paradies. Meine Eltern haben uns vertraut und uns zugestanden, draußen und unterwegs zu sein – im Sommer wie im Winter. So haben wir gelernt, uns zu behaupten. Wir haben selbst Eislaufplätze gebaut, uns gegen-seitig Skifahren beigebracht und auf der Straße Fußball gespielt. Mit zehn Jahren sind wir Kinder allein mit dem Zelt losgezogen und haben uns selbst versorgt. Mit meinem selbst verdienten Geld habe ich mir ein Rad gekauft und bin damit aus dem Tal gefahren.

In Ihrer Familie sind Sie als siebtes von neun Kindern aufgewachsen. Was prägt Sie bis heute?

Schon früh musste ich lernen, selbstständig zu werden und auch Verantwortung für meine kleineren Ge-schwister übernehmen. In bin aber auch geschützt aufgewachsen. Vor allem meine Mutter hat darauf geschaut, dass wir zusammenhalten. Wir haben uns gegenseitig unterstützt und gefördert. Bereits als Kinder haben wir bei Bauern oder im Sommer auf der Alm gearbeitet. So habe ich gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen, allein zu sein, eigenständig etwas zu erreichen. Dadurch habe ich Selbstwirksamkeit entwickelt und Resilienz aufgebaut.

Haben Sie auch während Ihrer Schul- und Studienzeit gearbeitet, um dazuzuverdienen?

Ja, ich habe so sogar mein (erstes) Diplom bekommen – das Käser-Diplom. In der Schweiz hatte ich die Verantwortung für 110 Milchkühe auf einer Alm und wir haben Käse und Butter hergestellt. Da habe ich auch gelernt, mit einem Team zu arbeiten und ein Team zu führen. Seither ist mir mein Team bei der Arbeit besonders wichtig.

Jahrzehntelang waren sie als Kinderarzt und Neonatologe tätig und haben rund 15.000 Früh- und Neu-geborene begleitet. Was war das Besondere an dieser Arbeit?

Besonders bei den kleinen Frühchen hat mich immer ihr Wille zum Leben beeindruckt, welche Kraft sie entwickeln können, ihr Kampfgeist und wie sie sich mitteilen, über den Gesichtsausdruck zum Beispiel.

Die Arbeit auf einer Neugeborenen-Intensivstation verlangt medizinisches Können, aber auch viel Menschlichkeit. Wie waren die Begegnungen mit den Familien?

Prägend und wichtig waren für mich die vielen Gespräche mit den Eltern zwischen Hoffnung, Angst und Vertrauen, besonders, wenn die Frühchen in kritischen Situationen oder beim Sterben waren. Das war für mich ein wichtiger Lernprozess. Ich habe verstanden, dass das Sterben zum Arztsein dazugehört. Mit den Frühchen habe ich auch versucht in direktem Kontakt zu sein, mit ihnen zu sprechen oder ihnen durch Streicheln am Kopf zu zeigen, dass jemand da ist.

In Ihren Büchern schreiben Sie über die Zerbrechlichkeit des Lebens. Hat die Arbeit mit den kleinsten Patientinnen und Patienten Ihren Blick auf das Wesentliche verändert?

Die Zerbrechlichkeit des Lebens hat mir gezeigt: Das Leben ist lebenswert – in all seinen Facetten.

Als Expeditionsarzt waren Sie an einigen der entlegensten Orte der Welt. An welche Reisestationen erinnern Sie sich gern?

Am schönsten war die Anreise zu den Bergen in Nepal und in Pakistan. Wertvoll war für mich der Kontakt dort mit den Menschen in den Dörfern und vor allem die Möglichkeit, sie ärztlich zu versorgen. Wir hatten in unserem Expeditionsgepäck immer Medikamente und Materialien dabei. Ich habe dort viel Leid gesehen, zugleich aber auch viele dankbare und zufriedene Menschen.

Sie waren in Grönland unterwegs, im Himalaya und am Nanga Parbat. Was lernt man in Extremsituationen über die eigenen Grenzen? 

Extremsituationen lehren einen, sich selbst richtig einzuschätzen. Zu lernen, wo die eigenen Grenzen liegen und sie nicht zu überschreiten, ist die wichtigste Voraussetzung für das Überleben. Diese Grenzen sind nicht unveränderlich – durch gezieltes Training und Erfahrung lassen sie sich verschieben. Das hat mir sowohl bei meiner Arbeit als Arzt als auch heute als Politiker geholfen.

Nach Ihrer Pensionierung als Arzt hätten Sie sich zurückziehen können. Stattdessen sind Sie in die Politik gegangen. Warum haben Sie sich entschieden, noch einmal eine völlig neue Aufgabe zu übernehmen?

Schon früher bin ich gefragt worden, in die Politik zu gehen, habe aber immer abgelehnt, weil ich so viele Projekte hatte. Zugleich habe ich stets versucht, durch gesundheitspolitische Arbeit, durch meine Kenntnisse und Kontakte als Vermittler – sowohl von innen als auch von außen – das Gesundheitssystem zu verbessern. Die Entscheidung nach meiner Pensionierung in die Politik einzusteigen, war eine lange und schwierige. Früher war ich Arzt, der unmittelbar helfen konnte. Nun als Politiker kann ich langfristig etwas bewirken, bewegen und dazu beitragen, Rahmenbedingungen für ein effizientes und zukunftsfähiges Gesundheitssystem zu schaffen.

Sie kennen das Gesundheitswesen aus vielen Perspektiven: als Arzt, Primar, Berater und nun als Landesrat. Was soll sich verbessern? 

Wer Hilfe braucht, soll sie schnell, gut und in modernen Strukturen möglichst nahe am Wohnort bekommen. Wir stützen uns auf mehrere zentrale Bausteine, von der flächendeckenden Versorgung durch Hausärzte und Gemeinschaftshäuser über die Gemeinschaftskrankenhäuser, die wohnortnahen Einsatzzentralen und die geplante Gesundheitshotline 116117 bis hin zur Versorgung in den sieben Krankenhäusern.

Sie sind Ehemann, Vater von drei erwachsenen Söhnen. Welche Rolle spielt Ihre Familie in Ihrem Leben?

Meine Familie gibt mir Rückhalt und ist mein Ausgleich zur Arbeit. Ich könnte mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Deswegen ist es mir wichtig, in der Zeit daheim wirklich für die Familie da zu sein.

Ihr Berufsleben war von vielen Anfängen und Begegnungen geprägt. Welche Stärke ziehen Sie daraus?

Offen in Begegnungen hineinzugehen und zuzuhören ist wesentlich. Das habe ich auch lernen müssen. Aus jeder Begegnung nehme ich heute etwas Positives mit.


Hubert Messner, 1953 in Brixen geboren, studierte in Innsbruck, Modena, Mailand und Graz Kinderheilkunde und wurde in Toronto und London zum Neonatologen ausgebildet. Messner war maßgeblich am Aufbau der Neonatologie und Neugeborenen-Intensivstation in Südtirol beteiligt und baute diese als Chefarzt zu einer renommierten Abteilung aus. Er betreute rund 15.000 Früh- und Neugeborene und leitete etwa 750 Transporte. Als Expeditionsarzt nahm er an internationalen Expeditionen u.a. im Himalaya und in der Arktis teil. Zudem war Messner in Fach-gremien, in der Ethikkommission, in der Ärztekammer Bozen sowie in der Aus- und Weiterbildung von Ärzten tätig und engagierte sich für soziale Projekte im In- und Ausland. Messner ist Autor mehrerer Publikationen. Für seine Verdienste wurde er mit dem Ehrenzeichen des Landes Tirol ausgezeichnet. Seit 2024 ist Messner Landesrat für Gesundheitsvorsorge und Gesundheit in Südtirol.

san

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